Nachfolgend könnt ihr eine fiktive Kurzgeschichte lesen, die ich einer Freundin widme. ❤ Ich habe mit der Geschichte bei einem Wettbewerb teilgenommen („Einhörner“ waren das vorgegebene Thema) – da ich leider nicht gewonnen habe, kann ich euch die Geschichte nun hier zeigen. (Triggerwarnung: Es geht um Verlust und Trauer!)

Über eure Meinung, Kritik, liebe Worte, würde ich mich natürlich freuen. 🙂 Diese neue Kategorie hier möchte ich auch in Zukunft gerne mit Worten füllen.

herzschlag-mit-schrift

Herzschlag.

Beim Rennen konnte sie ihr eigenes Herz laut pochen hören. Die Schläge sind unregelmäßig und schnell. Viel zu schnell. So schnell, dass sie das Gefühl hat, ihr Herz müsste ihr jede Sekunde aus der Brust explodieren. Dieses Gefühl gefällt ihr nicht. Als sie noch ein kleines Kind war, hat sie oft, nur so zum Spaß, auf der Wiese zwischen den Blumen gelegen, in die Wolken geschaut und auf ihren Herzschlag gehört. Damals empfand sie es als beruhigend, den Löwenzahn zu riechen, das Gras unter sich zu spüren und dem eigenen Körper beim Arbeiten zuzuhören. Doch mit dem Erwachsenwerden entwickelten sich einige Marotten. Und eine davon war die Angst davor, dem eigenen Herz beim Schlagen zuzuhören.

Nun, wo sie aber rannte, so schnell, dass sie beinahe über ihre eigenen Füße stolperte, war es unvermeidbar, ihrem lauten, panischen Herzen zuzuhören.

Sie war gefangen in einem dieser Träume, in welchen du weißt, dass du träumst, aber einfach nicht aufwachen kannst. Darum fühlt sich alles, was du in diesem Moment empfindest einfach nur grausam real an. Und mal ganz ehrlich: Wer kann uns denn garantieren, dass es das nicht auch ist? Den Abend zuvor konnte Amy sehr schlecht einschlafen. Die Erlebnisse vom Tag ließen sie sich hin und her werfen. Bestimmt für drei Stunden lag sie wach, wechselte die Seite, auf der sie liegen wollte im Sekundentakt und ihr Kopf ließ sich nicht abstellen. Doch wie es meistens ist, siegte die Müdigkeit irgendwann über ihre Gedanken und sie schlief ganz ohne es zu bemerken ein.

Denn bewusst nahm sie ihren Traum wahr, als sie in diesem plötzlich zu rennen begann. Erst war alles für sie nur schemenhaft erkennbar. Ein Wald erschien. Die Blätter und Nadeln der Bäume wurden detaillierter. Der Geruch von Moos und Wildkräutern stieg ihr in die Nase und dann, ganz plötzlich, war da noch ein anderer Geruch. Ein Geruch, der ihr seit ihrer frühsten Kindheit bekannt vorkam. Ein Geruch, den sie mit Trauer und Verlust verband. Ein Geruch, den man kaum beschreiben konnte. Er war schwer, hatte etwas von Moschus, Baumrinde und gleichzeitig auch von Rosmarin. Doch das Irritierenste war das Wesen, welches mit diesem Geruch in ihren Träumen auftrat. Von seinem Aussehen her glich es einem Pferd. Doch statt warmer, sanfter Pferdeaugen hatte es leuchtende, intensive Augen, so intensiv wie Kristalle. Die Farbe war jedoch blutrot, was Amy jedes Mal schaudern ließ, wenn das Wesen in ihren Träumen auftauchte. Sein Fell war pechschwarz und der Schweif war lang und durchzogen von einigen grauen Haaren. Es waren nicht viele, nur genug, um ahnen zu können, dass dieses Wesen nicht jung war. Aus seiner Stirn wuchs ein wunderschönes und gleichzeitig beeindruckendes, beängstigendes Horn. Es war schwarz, aalglatt und wirkte wie polierte. Amy war sich sicher, man könne sich darin spiegeln. Da sie an das Wesen jedoch nie dicht genug heran kam, konnte sie das nicht sicher sagen. Das laute Schnaufen hinter ihr, ließ sie ihre Gedanken erneut darauf fokussieren, was gerade geschah. Sie rannte weg. Rannte weg von dem Wesen, das hinter ihr laut schnaufend versuchte sie einzuholen. Amy wusste nicht, wieso das Wesen dies tat, wusste nicht, ob es sie angreifen wollte, ob es verrückt geworden war oder ob sie verrückt geworden war. Sie wusste sicher, dass sie träumte. Wieso also konnte sie nicht einfach stehen bleiben, den Traum geschehen lassen und hoffen, dass im nächsten Traumabschnitt etwas Schönes passierte? Aus irgendeinem Grund war die Panik, die in Amy aufstieg, real und die Vorstellung, was passieren würde, wenn sie stehen bliebe, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Darum rannte sie weiter. Rannte mit ihrem pochenden und wild um sich schlagenden, ängstlichem Herz um die Wette. Wortwörtlich über Stock und Stein. Ohne dabei zu bemerken, dass sie auf eine Klippe zu lief, die sie in der nächsten Sekunde herunterstürzte.

Als sie schweißgebadet aufwachte, fand sie auf dem Kopfkissen neben sich ein langes, pechschwarzes Pferdehaar. Ihren Herzschlag konnte sie damit sicherlich nicht beruhigen. Draußen dämmerte es bereits und der Wecker zeigte ihr an, dass sie theoretisch auch schon aufstehen könnte. Doch Amy lag wie gefesselt im Bett, das Pferdehaar neben sich liegend und brach in Tränen aus.

Sie hatte das Wesen schon oft gesehen. Das erste Mal nach dem Tod ihrer geliebten Großmutter. Damals ahnte Amy jedoch nicht, dass dies ein Traum sein würde, der sie verfolgte. Den ersten Blick auf das Wesen erhaschte sie aus sicherer Entfernung. Es stand in einigen Metern Abstand zu ihr auf einer strahlendhellen Lichtung und schaute ihr direkt in die Augen. Amy, wohlwissend dass sie träumte, traute sich, zu dem Wesen hinzugehen und konnte es sogar berühren und streicheln. Doch je öfter sie von ihm träumte, desto schmerzvoller wurden die Berührungen. Es war, als würde sie sich die Hände verbrennen und winzig kleine Stromschläge bekommen. Morgens war sie unausgeschlafen und meist schlecht drauf. Als die Zeit verging, und Amy den Tod ihrer Großmutter verarbeiten konnte, wurden die Träume von dem Wesen seltener.

Das Leben war fair zu Amy, viele Jahre. Doch manchmal stellt es einen auf die Probe. Es lässt dich fallen, so tief, dass du dich fragst, ob du jemals auf den Boden aufschlägst oder für immer den Wind im Gesicht spüren wirst. Es lässt dich am Abhang stehen, mit Gegenwind und der Ungewissheit, wie lange du noch aushältst. Es lässt dich durch dichtes Geäst kriechen, sodass du dir tiefe Schürfwunden zuziehst. Es lässt dich deine Wunden lecken, steht daneben und hilft dir nicht. Es versucht dir weis zu machen, dass der Spruch „was dich nicht umbringt, mache dich stärker“ niemals stimmen kann, denn du fühlst dich von Tag zu Tag schwächer. Das alles kann das Leben tun. Es spielt mit dir. Es testet dich und deine innere Stärke und schickt dir Schicksalsschläge, die nicht einmal dein ärgster Feind verdient hat.

Amy verlor im Herbst ihr Kind.

Über die Umstände mochte Amy nicht nachdenken, niemals. Und sie sind an dieser Stelle auch nicht relevant. Denn die Tatsache, dass eine Mutter ihr Kind verliert – sei es nun im Mutterleib oder viele Jahre nach der Geburt – ist so grausam, dass man sie kaum in Worte fassen kann. Weder als Betroffene, noch als Freundin. Amy fasst deswegen keine klaren Gedanken darüber. Sie träumt. Sie trauert am Tag, kann mit den diffusen Gedanken im Kopf herumschwirrend nicht einschlagen. Nachts rennt sie vor der Trauer davon. Vom Geruch nach Moschus, Baumrinde und Rosmarin. Den warmen Atem des Einhorns im Nacken, rennt und rennt sie. Sie hat Angst davor, stehen zu bleiben und die Trauer zuzulassen. Amy hat keine Angst vor dem Einhorn, sie hat Angst vor dem, was das Einhorn repräsentiert.

Wie oft sie schon darüber nachgedacht hat, wie ironisch es doch ist, dass sie von einem Einhorn verfolgt wird. Einhörner werden doch in den meisten Märchen als weiße, freundliche Wesen dargestellt. Einhörner verbindet man oftmals mit Glitzer, Feen und romantischen Wäldern. Doch der Wald, in dem Amy Nacht für Nacht aufwacht ist nicht romantisch. Die Bäume sehen nicht aus, als würden tausende bunte Vögel darin leben. Keine Märchenprinzessin singt hier Lieder. Die Bäume ziehen grausige Schatten und wenn man genau hinsieht, kann man sehen, wie sie sich bewegen. Zentimeter um Zentimeter bewegen sie sich auf sie zu. Dies ist keine Märchenwelt, wie Amy sie sich wünschen würde. Das Ächzen der Hölzer, das Schnaufen des Einhorns. Die Trauer, die sie versuchte einzuholen, aber es nicht schaffen konnte. Davon waren Amys Träume geprägt und Morgen für Morgen wachte sie auf. Ab und zu fand sie ein schwarzes Haar neben sich auf dem Kopfkissen. Ein Haar, welches sie immer wieder daran erinnerte, im Traum weiter zu rennen, weil dieses Haar, so real auf ihrem Kissen liegend, den Traum in ihre Realität holte.

Viele Nächte und viele Träume vergingen, in denen Amy um ihr Leben rannte, von Klippen stürzte und schweißgebadet aufwachte. Tagsüber versuchte sie sich mit vielen Litern Kaffee wachzuhalten und überschminkte ihre tiefschwarzen Augenringe. Sie machte weiter. Sie legte sich wieder ins Gras und blickte in die Wolken. Sie roch an Blumen, bastelte sich aus diesen Kränze und irgendwann und mit viel Kraft und Mut hörte sie ihrem Herzen wieder beim Schlagen zu.

An diesem Abend hat sie keine Angst vor dem Einschlafen. Sie trägt ihren Lieblingspyjama und hat sich einen Tee gekocht. So kuschelt sie sich in das frisch bezogene Bett, welches so gut und sauber duftet. Ihr Herz schlägt ganz ruhig. Sie konzentriert sich darauf und ist schon bald eingeschlafen.

Bewusst nimmt Amy den Traum wahr, als sie einen heißen Atem in ihrem Nacken spürte. Es war einer dieser Startpunkte im Traum, wo man nicht weiß, wie man in diese Situation kam. Der Atem des Einhorns war beinahe so heiß, wie die Luft, die einem aus dem Ofen entgegen pustet, wenn man einen frisch gebackenen Kuchen herausholen möchte. Amy bekam Gänsehaut und war sich beinahe sicher, dass sie diese auch gerade im Bett liegend hatte und nicht nur im Traum. Einen kurzen Moment stutzte sie und überlegte, loszurennen. Einfach davon zu laufen und der Trauer nicht in die Augen zu sehen. Doch sie entschied sich dagegen. Langsam drehte sie sich um, vorsichtig, damit das Tier sich nicht erschreckte. Das Einhorn blähte die Nüstern und legte den Kopf schief. Offenbar wusste es nicht, dass Amy bereit war. Was war das nur für ein Fabelwesen im Traum? Amy konnte nicht daran vorbei, sich zu fragen, ob das Einhorn nur in ihrem Unterbewusstsein existierte, oder ob es eine höhere Herkunft hatte. Den Blick zuvor nach unten gerichtet, traute sie sich nun den Kopf vorsichtig und behutsam zu heben und dem Einhorn in die Augen zu schauen. Schwarz wie das Weltall schauten sie zurück, und doch weit aus vertrauter, als sie erwartet hatte. Das Wesen ging einen Schritt auf sie zu. Nun standen sie da: Nase an Nase und sahen sich in die Augen. Amy konnte nicht verhindern, dass Tränen aus ihren Augen kamen und ihre Wangen mit einem nassen, salzigen Netz überzogen. Die Augen des Einhorns wurden zu ihrer Verwunderung auch nass. Es war, als würde sich ihr Verhalten in dem Wesen spiegeln. Eine Weile standen sie so da. Stumm. Weinend. Und dann wagte Amy es, und lehnte sich an das Einhorn. Sie vergrub ihr Gesicht in seiner weichen Mähne und weinte so sehr, wie sie noch nie geweint hatte. Ihr ganzer Körper schüttelte sich, dass sie erneut sicher war, dass auch ihr Bett gerade wackeln müsste. Amy konnte nicht sagen, wie lange sie da so standen. Das Einhorn, sie und ihr lauter Herzschlag. Als sie nach einer gefühlten Ewigkeit wieder aufschaute erschrak sie kurz. Das Einhorn war nicht mehr schwarz. Es war weiß. So weiß und hell, dass es fast unsichtbar war. Seine Mähne hatte eine blaue Färbung, fast wie der Himmel. Es schnaubte laut und schüttelte seinen Kopf. Amy spürte eine Ruhe in sich, die sie lange Zeit nicht mehr kannte.

Als sie aufwachte, fand sie auf dem Kopfkissen neben sich ein langes, hellblaufarbenes Pferdehaar. Sie wusste nun, dass sie nicht mehr länger Angst haben musste.


Text und Beitragsbild von mir – Copyright liegt also bei beidem bei mir. Bitte nicht klauen – auch nicht mit Namensnennung. Falls ihr die Geschichte gerne teilen wollt (und euch der Link nicht genügt), schreibt mir eine Email. Dankeschön! 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s