Das Ende eines Lebensabschnittes.

Als ich in Hannover war, um mit Andrea zu shooten, war auch meine herzallerliebste Britta dabei. Sie hatte ihre analoge Kamera mit – ich bin immer ganz begeistert, wenn jemand analog fotografiert – und hat auch einige Fotografien gemacht. Diese möchte ich euch heute vorstellen. Außerdem soll es rückblickend um mein Bachelorstudium gehen bzw die Gründe, weshalb ich ein Fernstudium gemacht habe – denn ähnlich wie bei der Analogfotografie hat man nur „einen Versuch“, wie ein Bild entsteht, wie das Studium verläuft und das macht einen in jedem Fall schlauer. Ich habe nun den Bachelor – doch der Weg dahin war kein leichter.

„Und warum machst du ein Fernstudium?“, „Kann man deinen Studiengang nicht vor Ort studieren?“, „Ist das nicht ganz schön einsam?“, „Woher nimmst du denn die Motivation?“, „Aber machst du nicht noch was Richtiges danach?“

Das sind die Fragen, die bestimmt nahezu jeder Fernstudent schon mal gehört hat. Natürlich gibt es unendlich viele Gründe, weshalb man sich gegen ein Präsenzstudium entscheidet und für ein Fernstudium. Manchmal liegen die Gründe gar nicht wirklich auf der Hand. Manche Entscheidungen sind unumgänglich. Ich habe in den letzten 5 Jahren einige Menschen im Fernstudium kennengelernt und letztlich hatte jeder seine eigene Geschichte.

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Ich habe zwei Geschichten, wenn mich jemand nach meinen Gründen für das Fernstudium fragte. Eine Geschichte erzählte in Menschen, die ich nicht gut kenne. Die andere, die wahre Geschichte all denjenigen, denen ich zutraue, mit der Wahrheit leben zu können. Heute möchte ich sie auch hier erzählen. Anfang des Jahres 2012 habe ich mich an der Fernuniversität in Hagen eingeschrieben für den Studiengang zur Erlangung des Bachelor of Arts in Kulturwissenschaften mit Schwerpunktfach Literaturwissenschaft und Nebenfach Philosophie. Die Fernuni Hagen ist die einzige Fernuniversität, die staatlich anerkannt ist. Doch die Entscheidung kam nicht über Nacht oder aus einer Laune heraus. Auch wenn ich gerne erzählte, dass ich unbedingt Literatur und Philosophie studieren wollte, dies aber leiiiider vor Ort nicht möglich sei. Bullshit.

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Dass es mir vor, während und nach meinem Abitur-Abschluss in der Schule wirklich mies ging, ist ein anderes Thema. Trotzdem entschied ich mich mit Abitur in der Tasche für Bewerbungen an Präsenzunis, unter anderem der hier in Braunschweig. Ich wollte gerne Lehramt studieren mit Germanistik und Mathematik als Fächer – für die Grundschule. Ich konnte mir gut vorstellen, mit Kindern zu arbeiten und mein Interesse für die Germanistik war riesig. Im Nachrückverfahren bekam ich einen Studienplatz und startete im Herbst 2011 das Studium. Doch egal wie gut man das Leben plant, oder ein Motiv, welches man fotografieren will – wenn im falschen Moment auf den Auslöser gedrückt wird oder sich das Motiv plötzlich bewegt, verändert, dann hat man keine Chance mehr, diesen einen Moment nachträglich noch zu verändern.

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In meiner Vorstellung damals dachte ich, es würden all die Panikattacken und Ängste schon weggehen, wenn ich erstmal aus dem Raum „Schule“ weg war und das machen konnte, was ich wirklich wollte. Ich war wirklich sehr glücklich, als ich den Studienplatz bekam und ging hochmotiviert in die Mathe-Vorkurse und plante meinen Stundenplan. Ich lernte ein paar Mädels kennen, die auch wirklich lieb waren – solange du normal warst. Doch so einfach ist das Leben nicht. Wie in der Fotografie ist es doch so: Nur weil du einen Faktor änderst, heißt das nicht, dass das gesamte Zusammenspiel plötzlich passt. Iso400 oder eine offene Blende ist kein Garant für ein schönes Foto, wenn die Verschlusszeit zu lang ist oder man den falschen Bildausschnitt hat. Und so ist ein reiner Wechsel von Schule auf Uni eben auch kein Garant fürs Glücklichsein, wenn es tausend andere Faktoren gibt, bei denen man nicht im Reinen mit sich selbst ist.

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Ich war gar nicht im Reinen mit mir. Mein Körper hat mir das zu jeder Sekunde, in der ich in Seminarräumen oder Vorlesungen saß, spüren lassen. Wer nicht weiß, wie sich schlimme Panikattacken anfühlen, dem erkläre ich es gerne: du denkst du musst sterben. Du weißt, dass es logisch betrachtet gar keinen Sinn macht, weil du dich eigentlich in keiner Gefahr befindest. Doch kein Bauch, dein Herz und sogar dein Kopf schaffen es, dich das Gegenteil glauben zu lassen und auf einmal wird ein Seminar zu einem Haifischbecken. Wenn du nicht weißt, was Panikattacken sind und was sie mit dir machen, dann fühlt es sich nicht gut an, plötzlich Herzrasen zu bekommen oder keine Luft mehr. Der einzige Ausweg daraus ist für die meisten Menschen, und so auch bei mir, das Vermeiden sämtlicher Situationen, in denen man diese Symptome spürt. Und so war ich innerhalb kürzester Zeit nach Studienbeginn von Woche zu Woche in weniger Seminaren. Das sowas bei anderen Studenten nicht immer toll ankommt, führte dazu, dass die ach so netten Mädels, die ich anfangs kennenlernte, sich als ziemliche Biester rausstellten. Und ohne Freunde im Studium fehlte mir irgendwann komplett der Ansporn, die Angst wurde immer schlimmer und ich brach ab.

beutnagela654441-34Da ich aber trotz der riesigen Irrationalität in meinem Kopf trotzdem grundsätzlich vernünftig war, habe ich bevor ich das Präsenzstudium abbrach nach Alternativen gesucht und das Fernstudium gefunden. Ich hatte so die Chance, etwas zu studieren, was mich interessiert und nebenbei langsam irgendwie zu lernen mit meinen Problemen umzugehen – so die Theorie. Die Praxis sah etwas anders aus und ich habe tatsächlich erst ein Jahr nach Beginn an der Fernuni die Hilfe gefunden, die ich gesucht habe und ich musste mir davor auch noch hunderte Male die Knie aufschlagen und so tief fallen, dass sich die Frage, wielange ich es ohne fremde Hilfe noch schaffe, nicht mehr stellte. Ich bekam die Hilfe, die ich suchte. 2x wöchentliche – fast 2 Jahre lang. Das muss mir nicht peinlich sein, das kann ich auf meinem Blog schreiben, den ich nicht anonym führe. Psychische Erkrankungen sind immernoch ein Tabuthema und das macht mich so wütend.
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Parallel zur Therapie bat mir auch die Fernuni Möglichkeiten, bei denen ich lernen konnte soziale Ängste zu überwinden. Man musste im Laufe des Studiums Präsenzseminare belegen, Klausuren in großen Vorlesungsräumen schreiben und mündliche Prüfungen ablegen. Alles viel viel weniger, als bei einem „normalen“ Studium, aber dennoch ausreichend für mich. Die erste Klausur war – emotional betrachtet – eine Katastrophe, doch ich schnitt echt gut ab. Vor der zweiten Klausur war die Angst dann schon kleiner. Die erste mündliche Prüfung machte mir eine Heidenangst und sie lief so schlecht, dass ich vor der zweiten – Jahre später! – dachte, dass ich vor dem Prüfer zeinfach kein Wort rausbekomme. Doch die zweite Prüfung lief echt souverän ab. Bei meinem ersten Präsenzseminar in Berlin war ich mit einem Mädchen, die inzwischen eine meiner besten Freundinnen ist. Ihr Halt war alles für mich und ohne sie hätte ich mich da niemals hingetraut. Zum zweiten Präsenzseminar in Bonn musste ich alleine hin – und es ging. Ich verlass den Raum nicht einmal wegen Panikattacken und traute mich sogar zwischendurch was zu sagen. Dinge, die für andere normal sind, sind für mich echte Meilensteine, auf die ich stolz bin. Nur weil jemand nicht immer den Mund aufmacht, heißt das nicht, dass er nichts zu sagen hat. Das begleitet mich mein ganzes Leben, doch besonders das Fernstudium hat mich gelehrt, dass ich immer etwas sagen kann – es gibt Leute die zuhören.

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Nun habe ich den Bachelorabschluss – die Bilder sind entwickelt und trotz Stolpernsteine und Fallen ist das Ergebnis wirklich toll. Ich bin stolz darauf, was ich geschafft habe. Das darf ich sagen und das sage ich auch. Jeder führt seinen eigenen Kampf und man sollte das immer im Hinterkopf haben, bevor man Menschen zu schnell anhand ihrer Taten beurteilt. Ich werde meinen Weg auch weiterhin finden. Er wird vielleicht nicht ganz konventionell sein, ich werde niemals jemand sein, der 8 Stunden im Büro sitzt, doch ich habe eine Leidenschaft gefunden, in der ich direkt zwei meiner „Hobbys“ zum Beruf machen kann. Doch was genau das ist, das ist eine andere Geschichte. Der Lebensabschnitt Studium ist vorbei und mit ihm habe ich auch den Lebensabschnitt meiner kleineren und größeren Probleme beendet. Ich bin an ihnen gewachsen und stehe nun dort, wo ich immer stehen wollte – glücklich auf die Gegenwart und in die Zukunft blickend.

 

Besucht Britta unbedingt auf ihrer Flickr-Seite! Ihre Arbeiten sind unglaublich sehenswert. ❤ Meine Süße, ich bin sehr froh, dass ich diesen für mich unendlich wichtigen Beitrag mit deinen BIldern schmücken konnte! ❤

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Ein Gedanke zu “Das Ende eines Lebensabschnittes.

  1. Da kannst du wirklich Stolz auf dich sein! Ich denke der erste Schritt ist, sich seiner Probleme bewusst zu sein und der Zweite sich entsprechende Hilfe zu holen. Zwei liebe Menschen in meinem Umfeld leiden unter Borderline. Die Eine ist endlich! seit einem guten Vierteljahr in Behandlung und es tut ihr richtig gut. Die Andere kann sich einfach nicht aufraffen und hängt in ihrer Spirale fest und man kann ihr nur helfen, indem man … ja was … ich sage mal: vorsichtig mit ihr umgeht. 😦

    Und für die Zukunft verlange ich zum Lesen ein Taschentuchpaket!!!
    Schon wieder ein Beitrag der mich emotional so stark berührt hat, dass es mir die Tränen in die Augen steigen ließ.
    LG JJacky

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