Auf zu neuen Ufern. Oder: Wie verarbeite ich den Tod meiner Großeltern?

Im Juli trafen der Fotograf Stefan alias Chris W. Braunschweiger und ich uns in dem Haus, welches André und ich geerbt haben und welches zu der Zeit für mich immer noch „das Haus meiner Großeltern“ war. Ich hatte das starke Bedürfnis, das Haus als Shooting-Ort zu nutzen, solange noch einige Gegenstände meiner Großeltern drin standen. Es war seltsam, ein bisschen traurig und hatte gleichzeitig auch etwas Befreiendes. Da gehen einem Gedanken durch den Kopf. Da ich diese Gedanken auch später Zuhause weiterspinnen wollte, „durfte“ ich die Bilder selbst bearbeiten. Dabei war die schwierigste Entscheidung, welche der Bilder ich denn in dem Beitrag hier haben möchte. Stefan, ich danke dir für die vielen Bilder und das wir erneut zusammengearbeitet haben. Wie mir die Bilder beim Verarbeiten des Todes meiner Großeltern geholfen haben und wie verrückt es ist, ein Haus zu verändern, in dem man von Geburt an ein und aus ging, das erzähle ich euch heute:

Oh wow – was habe ich das Schreiben dieses Beitrags vor mir her geschoben. Gar nicht unbedingt, weil ich nicht darüber sprechen möchte – das habe ich mir ja selbst ausgesucht. Eher deswegen, weil ich die „richtigen“ Worte ewig in meinem Kopf von A nach B geschoben habe. Ich wollte, dass dieses – für mich so wichtige! – Thema mit der nötigen Tiefe behandelt wird. Doch je mehr ich darüber nachdenke, je mehr ich von A nach B schiebe, desto mehr wird mir bewusst: ich muss einfach sagen, was mir im Kopf vorgeht, denn bei diesem Thema gibt es kein richtig oder falsch – nur meine Gefühle und Gedanken.

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Wie fühlt es sich an, über 80 Jahre Erinnerung zu sortieren? Furchtbar. Ich hätte nie gedacht, wie hart es ist, Entscheidungen darüber zu treffen, welche der sorgsam aufgehobenen Besitztümer meiner Großeltern, man weiter aufhebt und welche nicht. Selbstverständlich trugen die Hauptverantwortung für diesen Prozess mein Papa und mein Onkel – doch als einzige Enkelin und zukünftige Besitzerin ihres Eigenheims konnte ich mich dieser Verantwortung nicht komplett entziehen.

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Mir haben die großen Mengen von Besitztümern besonders eines gezeigt: So möchte ich das für meine Zukunft nicht. Und wie geht man damit um, wenn man Eigenschaften an den unendlich geliebten und nun toten Menschen findet, die nicht mit dem eigenen Lebensstil konform gehen? Man wächst irgendwie daran. Mein Bestreben, nicht mehr so viel Kram zu besitzen wurde dadurch eigentlich nur gekräftigt. Meine Großeltern kommen aus einer ganz anderen Generation. Als Nachkriegsgeneration schmeißt man wohl selten weg. Man hebt auf, was man nochmal gebrauchen könnte und was heile ist wird auch nicht weggeschmissen – egal ob es die restliche Zeit im Keller liegt. Ein Ansatz, den ich komplett verstehen kann, aber so selber nicht leben will. In all ihren Schätzen und Sammelsurien an Seltsamkeiten, fand ich Gegenstände, die mir nicht fremd waren, sondern die ich in konkreten und mit schönen Erinnerungen geprägten Zusammenhang zu Oma und Opa bringen konnte. Diese Dinge habe ich aufgehoben. Ich sortiere auch sie bestimmt in einigen Jahren nochmal durch. Es ist ein Prozess.

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Da standen wir also in ihrem Haus, an die hunderte Male – so fühlte es sich an -, und sortierten in ihrem Leben. Entschieden, welche ihrer Erinnerungen wir aufheben und welche nicht. Wir entschieden auch, welche ihrer Erinnerungen wir veränderten. Als wir im Haus waren, um die Fotos zu machen, war noch nichts verändert. Hier und da hatten wir bereits begonnen aufzuräumen und zu sortieren – doch die meisten Möbel standen noch an ihrem Platz oder warteten an anderen Plätzen darauf, weggeräumt zu werden. Die Wände zeigten in jedem Zentimeter, wer hier mal wohnte. Es roch nach meinen Großeltern. Der Boden war der Boden, auf dem sie gingen und die Fenster die, durch die sie schauten. Das sind die Gedanken, die durch den Kopf schießen, jedes jedes jedes Mal. Es ist ein Prozess.

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Im Kopf spielt sich ein Film ab: hier hat mir Oma was vorgelesen. Dort saß ich und habe gemalt. An dieser Stelle hat Opa immer gesessen. Obwohl er 5 Jahre vor Oma ging, war auch er immer noch so unendlich präsent in ihren vier Wänden. Die Küche sah zwischenzeitlich aus, als habe Oma sie nur kurz verlassen und würde gleich wieder kommen, um Ordnung zu schaffen. Immer wenn ich diese Räume betreten habe, hat mein Herz so sehr geschmerzt, weil es sehr schwer ist, zu akzeptieren, dass sie nicht wiederkommen werden, dass dieses Haus nicht mehr ihres ist. All die Gedanken, dass sie doch ein glückliches und erfülltes Leben hatten, sind von meinem Kopf gedacht, doch von meinem Herzen nicht angenommen worden. Ich war egoistisch. Ich wollte nicht, dass meine Oma stirbt. Sie nicht auch noch. Wenn Opa schon nicht unsterblich sein konnte, wieso dann nicht sie?! Ich war egoistisch. Warum vor der Hochzeit? Warum bevor wir mal Kinder haben und sie somit endlich Urenkel? So unglaublich egoistisch. 
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Auch wenn man ja sagt, dass es einfacher ist, Menschen gehen zu lassen, wenn sie es selber wollen, so glaube ich, dass es nie einfach ist, jemanden gehen zu lassen. Es macht den Schmerz vielleicht erträglicher, wenn auch nur ein bisschen. Man muss aber trotzdem lernen mit dem Schmerz umzugehen und ihn für sich zu verorten. Man muss ihn zulassen, um loslassen zu können.

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Doch je mehr Möbel verschwanden, je mehr Dinge wir sortierten, desto klarer wurde es auch in meinem Kopf. Ich hatte keine Angst mehr, zum Haus zu fahren und mich meinen Gefühlen auszusetzen. Meine Gefühle veränderten sich. Ich begann zu akzeptieren, dass das Leben eben nunmal so läuft. Ich entkoppelte das Haus und meine Trauer voneinander. Ich begann auf den Friedhof zu fahren. Ich war nie jemand, der gerne auf dem Friedhof war, doch es tat mir gut mit meinen Großeltern nicht mehr im Haus „zu reden“, sondern an ihrem Grab. Ich saß oft mehrere Stunden dort, hörte Musik, schrieb meine Gedanken auf oder starrte einfach nur in die Blätter der Hecke. Das weiß kaum jemand. Ich habe Oma Blumen aus ihrem Garten gepflückt und ihr gebracht. Da ich gerade im Sommer oft morgens mit André zum Haus fuhr und dann alleine mit dem Rad heim, und der Friedhof genau dazwischen lag, bot es sich geradezu an. Der Friedhof wurde eine ganz neue Wohlfühlzone. Ihre Namen auf dem Stein zu sehen, die Jahreszahlen darunter – all das machte es realistischer und mein Kopf drang zu meinem verdrängendem Herzen durch.

it4b5779-bearbeitet-bearbeitetEin großer Cut in meinem Empfinden zum Haus war die Entkernung. Die Möbel waren nun alle weg, die persönlichen Gegenstände sortiert – die Räume waren leer. Dann kam das Abrisskommando. Tapeten flogen raus, die Böden, die alte Küche, die alten Bäder, Holzverkleidungen über Holzverkleidungen an den Wänden. Und mit diesen Dingen wurde aus „dem Haus meiner Großeltern“, „unser Haus“. Es war nun eine Baustelle. Eine weiße Leinwand. Das Gerüst war dasselbe, nur konnten wir es neu bebauen, neu bemalen – wir hatten die Chance unsers draus zu machen. Diese nutzten wir.

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Ich sehe meinen Großvater in jeder Wand, in jedem Ziegel. Da waren Notizen auf den Steinen und alles war durchdacht – wenn auch aus „Neubau-Sicht“ teils unverständlich. Opa baute das Haus für seine Familie. Für seine Frau und seine zwei Söhne. Und wir bauten es nun um. Immer wenn ich daran denke, bekomme ich eine Gänsehaut, weil es etwas unheimlich Schönes ist, den Familienbesitz bald wieder bewohnen zu dürfen. Auch wenn unsere Sanierungen bestimmt nicht alle in Opas Interesse sind, so weiß ich sehr sicher, dass er sehr stolz wäre, dass wir aus seinem Haus nun unseres machen und soviel Zeit und Herzblut hinein stecken.

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Wenn wir nun in den Räumen stehen, sehe ich nicht mehr meine Großeltern, denn es hat sich viel verändert. Doch ich sehe, was sie uns hinterlassen haben und bin zutiefst dankbar und glücklich darüber. Ich sehe nun uns. André und mich. Ich sehe, was für eine große Chance uns das Leben doch geboten hat. Ich kann mich endlich über das Haus freuen. Während ich anfangs ein schlechtes Gewissen bekam, wenn Freude darüber aufkam, dass wir in ein Haus ziehen werden – war dies doch nur möglich, weil die bisherigen Besitzer es nun nicht mehr brauchten – kann ich die Freude nun endlich genießen.

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Ich schaute immer nach vorne und das ist wohl das Geheimnis dabei, wie man es schaffen kann, zu akzeptieren, dass geliebte Menschen nicht mehr physisch in unserer Nähe sind. Doch im Herzen werden sie niemals verschwinden.

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Fotograf: Chris W. Braunschweiger; zu finden bei Facebook – schaut unbedingt mal bei ihm rein! 🙂

Bearbeitung: von mir, mit Hilfe von Lightroom

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4 Gedanken zu “Auf zu neuen Ufern. Oder: Wie verarbeite ich den Tod meiner Großeltern?

    • Oh wie lieb von dir, dankeschön! Rückwirkend wünsche ich ihn dir auch – und weil doppelt besser hält auch einen guten Start in die Woche. 🙂

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