Achterbahnfahrt. Anschnallen, bitte.

Vor einigen Wochen war ich mit Christian von demmi photography im Harz. Es war bereits unser zweites Shooting (Bilder zu dem ersten findet ihr hier) und das war unser Glück. Es war so arschkalt, dass es von Vorteil war, dass wir ganz flott zusammen arbeiten konnten und bevor wir erfroren sind wieder auf dem Weg nach Hause waren. Was dabei entstanden ist und was mir aktuell im Kopf rumschwirrt findet ihr heute hier:

Meine Gedanken fahren zur Zeit Achterbahn. Keine gemütlich, wo es ein bisschen auf und ab geht, sondern so eine, die vor Loopings nur so strotzt und wo man zwischendurch für einige Sekunden mit dem Kopf nach unten hängt und nicht mal schreien kann. Freie Fahrt voraus. Du sitzt in der Achterbahn, die sich Leben schimpft, und bist hin und her gerissen zwischen Schreien, Kreischen, vor Freude zu lachen, vor Wahnsinn zu lachen und vor Angst zu weinen. Ein ständiges Wechselbad der Gefühle.

IMG_0648-Bearbeitet

Ich bin so unendlich froh, dass ich als Konstante in meinem Leben meinen wunderbaren Verlobten, meine Familie und meine engsten Freunde habe. Ansonsten hätte ich mich mitten während der wilden Achterbahnfahrt sicherlich schon abgeschnallt.

IMG_0653-Bearbeitet

„Annika, wie ist es, seine Oma so zu sehen?“, fragt sie mich aus ihren trüben Augen hervor. Sie liegt in ihrem Bett im Pflegeheim. Das Bett ist riesig und sie ist so winzigklein. Es ist, als wäre das Bett für einen Riesen gemacht worden und meine Oma ist ein kleiner Zwerg. Sie geht in ihrer plüschigen Tagesdecke fast unter. Ich frage mich, ob man sie überhaupt noch sieht, wenn die Decke nachts durch die große Daunendecke ersetzt wird. Die Frage trifft mich. Sie trifft mich überall. Nicht nur in meinem Gehirn, wo sie eigentlich nur ankommen sollte. Mein Kopf, der schnell eine passende Antwort parat haben sollte, bevor die Frage wieder vergessen wurde. Sie trifft mich auch in meinem Herzen. Mitten drin. Und mir wird schlecht – natürlich hat auch mein Bauch eine Rolle im Betroffensein. Meine Knie werden weich, die Hände schwitzig. Was sagt man da denn bitte? Die Wahrheit ist wohl kaum angebracht. Ich habe Angst. Ich habe riesengroße Angst, meine Oma zu verlieren. Die Angst ist so groß, dass ich Zuhause manchmal aus dem Nichts anfange zu weinen und nicht mehr aufhören kann. Doch das kann ich ihr nicht sagen. Ihr Alter, ihre Weisheit, ihre Erfahren sind ihr ins Gesicht geschrieben. Falten erzählen so vieles. An den Händen erkennt man, wie viel sie schon erschaffen haben. Oma ist so klein geworden, als verschwinde sie langsam. Als ich noch ein Kind war, war meine Oma riesig. Ein liebevoller Riese, der alles im Griff hatte. Wo ist dieser Riese nur hin? „Es ist natürlich traurig, dich so zu sehen, Omi.“ antworte ich stattdessen. Eine sehr abgespeckte Version der großen Wahrheit. Ich lüge sie nicht an, und ich schweige nicht. Das ist vielleicht das Richtige. Meine Mutter neben mir schluckt und lenkt das Thema ein wenig um. Alt werden ist nie schön,  höre ich leise durch das Rauschen, welches meinen Kopf erfüllt. Ich glaube ich höre die Anstrengung in meinem Hirn, die damit beschäftigt ist jeder Pore meines Körpers zu sagen: Nicht weinen!

IMG_0671-Bearbeitet

Gedankensprung. Ich bin 7 Jahre alt und die Schule ist aus. Vor dem Schultor sehe ich meinen Opa. Eine Erinnerung, die sich wiederholt. Ich war nicht jeden Tag bei meinen Großeltern, doch an die Tage, an denen ich dort war, erinnere ich mich deutlich und klar. Wir steigen zu ihm ins Auto, denn es ist wieder einer der Tage, an denen ich nachmittags bei ihnen bin. Ich habe das geliebt. Manchmal halten wir beim Kiosk und er kauft mir eine Zeitschrift. Und Süßigkeiten. Er unterhält sich kurz mit dem Kioskbesitzer, nimmt für sich noch Zigaretten mit und weiter geht es. In ihrem Haus angekommen rieche ich schon das Mittagessen und Oma begrüßt mich. Wir essen zu dritt im Wintergarten und ich erzähle von der Schule. Oma und Opa erzählen von früher. Sie sind so glücklich. Das muss Liebe sein. Ich weiß, damals habe ich das nicht so klar erkannt, doch rückblickend betrachtet, haben die beiden mir genau das vermittelt, was ich mir für meine Zukunft gewünscht habe. Nach dem Essen gibt es noch Nachtisch – immer. Und dann geht es an die Hausaufgaben. Meine Oma hat mir geholfen, wo sie konnte. Den Nachmittag haben wir Brettspiele gespielt, gemalt oder mit Puppen gespielt. Manchmal hat sie mir häkeln oder stricken beibringen wollen. Bevor ich gegen frühen Abend wieder abgeholt wurde, sah ich mit Opa meine Lieblingsserien. Oma saß oft dabei, doch wirklich was damit anfangen konnte sie nie. Eine Erinnerung, die sich wiederholt.

IMG_0684-Bearbeitet

Gedankensprung. Ich bin 14 Jahre alt und wir fahren Oma besuchen. „Na, mal schauen, was sie dazu sagt.“, scherzt mein Papa noch, denn ich habe nun bunte Haare. Nie werde ich vergessen, wie Oma mich angesehen hat, wie sie versucht hat sich davon zu überzeugen, dass ich doch lieber wieder blonde Haare haben sollte. Doch ich habe auch nie vergessen, dass sie es irgendwann akzeptiert hat. Gedankensprung. Ich bin 18 Jahre alt und habe das erste Tattoo bekommen. „Das bleibt aber das Einzige oder?“, will sie mir ein Versprechen hervor locken. Ich verspreche es ihr nicht, denn ich weiß es nicht. Mit jedem Tattoo, welches in den vergangenen 6 Jahren hinzu kam, wurde sie entspannter. Anfangs war sie noch der Meinung, es macht mich hässlich. Doch ich denke, irgendwann hat sie meine bunte Haut hingenommen. Seit sicherlich 2 Jahren habe ich keinen Spruch mehr über meine bunte Haut zu hören bekommen – das deute ich als stillschweigende Akzeptanz. Es ist so viel wert, wenn dich jemand liebt, obwohl du viele Dinge tust, die er nicht versteht.

IMG_0688-Bearbeitet

Zurück in der Gegenwart. Vor ihren Zimmer, in dem sie von nun an wohnen wird, fließen die Tränen. Ich kann sie nicht mehr zurückhalten. Völlig ungeschützt, fern von meinem sicheren Zuhause weine ich, lasse mich von meiner Mama trösten und hoffe, dass keine Pflegerin vorbei kommt, die mich für völlig behämmert hält. Oma lebt ja schließlich. Ja, sie ist am Leben. Man sollte meinen, dass es einem damit doch gut gehen müsste. Doch das tut es nicht. Zu sehen, wie sie abbaut, wie sie immer verwirrter und unselbstständiger wird macht mich kaputt. Meine Oma ist eine so starke und eigenständige Frau gewesen. Gewesen. Denn aktuell ist von dieser Stärke nicht mehr viel zu sehen. Das macht mich traurig.

IMG_0693-Bearbeitet

Trotzdem muss ich ja nach vorne sehen. Die Zeit, die uns gemeinsam bleibt nutzen. Von uns allen ist die Zeit auf der Erde begrenzt. Das zu akzeptieren kann hart sein und gelegentlich auch einer Achterbahnfahrt gleichen. Wichtig ist nur, dass wir uns nicht abschnallen und jeden Looping hinnehmen, wie er ist. Irgendwann wird die Übelkeit schon verschwinden!

IMG_0701-Bearbeitet

Alle Bilder von demmi photography. Schaut doch mal auf seine Facebook-Seite und für mehr Informationen auf seiner Homepage vorbei. Danke für das schöne Shooting! 🙂

Und zum Abschluss noch ein Bild, auf dem ich lächel, denn schließlich dürfen wir alle unser Lächeln niemals verlieren:

IMG_0711-Bearbeitet

Advertisements

6 Gedanken zu “Achterbahnfahrt. Anschnallen, bitte.

  1. Pingback: Die Wahrsagerin. | wörterrascheln

  2. Pingback: Schwierige Situationen meistern. #weddingstuff | wörterrascheln

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s