Blick auf den Asphalt.

Ende letzten Jahres war ich mit Danny Renner in der Braunschweiger Innenstadt unterwegs, um ein paar Portraitaufnahmen zu machen. Unser Plan war es, die Hektik der Stadt mit einzufangen. Gar nicht so einfach, wenn genau dann, wenn man anfängt Fotos zu machen keine Leute mehr vorbei kommen. Ob es noch geklappt hat und was für Fotos sonst noch entstanden sind, findet hier in diesem Beitrag:

_ASS0101

_ASS0238

Beobachtet man die Menschen in der Innenstadt, so stellt man schnell fest: entspannt ist hier niemand. Sie alle rennen von A nach B. Huschen durch die Tür eines Geschäftes, nur um 10 Minuten später wieder herauszukommen, bepackt voll mit Tüten schnaufen sie nach Atem ringend über den Asphalt. Ihre Muskeln arbeiten, müssen all die Konsumgüter doch nach Hause geschleppt werden. Immer mehr, immer mehr. Die Zeiten des Schaufensterbummelns sind vorbei. Kein Mensch hat noch Zeit dafür, langsam an Scheiben vorbeizuschlendern, gelegentlich die Nasen an diesen platt zu drücken und Dingen hinterherzuschmachten, die man sich nicht leisten kann, aber so gerne kaufen würde. In Zeiten von Amazon und Ebay besteht diese Sehnsucht auch nicht mehr. 3…2…1… günstig ein Schnäppchen gemacht. Wozu Dinge hinter einer Glasscheibe in der Stadt anschauen, wenn an sie auch durch den Computerbildschirm bestaunen kann. Da hat man direkt noch hunderte Bewertungen von anderen Käufern. Waren sie zufrieden? Nein? Dann kaufe ich es auch nicht. In der Stadt sprichst du niemanden an: „Hey du, besitzt du dieses Waffeleisen? Wie ist das so?“ Alles ist anonym. Niemand möchte den anderen kennen. Die Blicke sind nach unten gesenkt, als würde jeder die Steine auf dem Boden zählen. 55, 56,57, Achtung! Stolpert nicht. Lauft nicht gegen eure Mitmenschen, denn das könnte ja bedeuten ihr müsstet mit ihnen… reden. Nicht auszudenken, wie furchtbar ein „Entschuldigung“ wäre – deutlich schlimmer als ein „Hallo“ oder ein „Einen schönen Tag noch“. Wir zahlen mit Karte. „Pincode bitte. Tschüss.“ Reicht dann auch an Konversation. Wir blicken niemandem in die Augen, sind zu beschäftigt damit, auf unser Smartphone zu starren. Die da von Instagram hat schon wieder neue Schuhe. Die brauche ich auch. Man hetzt in den nächsten Schuhladen, kauft, kauft, kauft und schleppt alles in die viel zu kleine Wohnung. Alles platzt vor lauter Zeug. So viel braucht ihr nie im Leben. Und doch kauft man es. Weil man es doch „unbedingt“ braucht. Auch meine Schubladen erzählen Geschichten. Geschichten von „dringend benötigt und doch nie benutzt“. Geschichten, die schreien „Ach, das habe ich ja auch noch.“ Es ist kein Wunder, dass in der Innenstadt niemand mehr entspannt ist. Die Last unserer Eigentümer ist tonnenschwer auf unseren Schultern – der gebückte Gang nur logisch. Wann fangen wir wieder an aufrecht zu gehen, uns in die Augen zu schauen und miteinander zu sprechen?

_ASS0147 _ASS0233

 

 

Fotograf: Danny Renner. Schaut doch mal auf seiner Facebook-Seite vorbei, um weitere Arbeiten anzusehen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s