Das dürft ihr doch aber nicht…

Hachja, wie sehr hatte ich mir doch auch gewünscht, dass mein nächster Beitrag hier von etwas Positivem handelt. Doch die Welt ist momentan einfach nicht rosarot. Meine (!) Welt schon, denn ich verbringe viel Zeit damit meine Hochzeit vorzubereiten und Pläne zu schmieden, wie ich nach dem Studium Geld verdiene. Doch die Welt, in der wir leben ist alles andere als rosig und das macht mir Angst. Noch mehr Angst macht es mir aber, dass man dies offenbar nicht mehr aussprechen darf. Darüber will ich heute reden.

Seit den Ereignissen vor genau einer Woche liest man in sämtlichen Nachrichten, sozialen Netzwerken etc. eigentlich nur noch Themen rund um Paris. Und darüber hinaus darüber, worüber man trauern darf und wer seit Jahren vergessen wird. Das Traurigste dabei ist, dass sich die Menschen anfangen gegenseitig zu verurteilen und sich anzumaßen, anderen ihre Art der Trauer verbieten zu wollen.

Ich gebe zu, zunächst war ich auch so. Ich dachte mir, was soll der Blödsinn mit den geänderten Profilbildern, wem ist damit geholfen? Warum wird um Paris getrauert, aber nicht um die tausenden Toten in anderen Ländern und das nicht erst seit gestern? Ich habe es als unfair empfunden, bis mir eins klar wurde: Die geänderten Profilbilder helfen den Opfern von Paris nicht, sie helfen jedoch denjenigen, die sie posten und damit ihre Ohnmacht auszudrücken versuchen. Und wieso sollte man jemandem verbieten, zu trauern, nur weil sie vielleicht auch noch um etwas anderes trauern müssten? Ich wiederhole mich vermutlich, aber: es ist nur logisch, dass die meisten Menschen hier in Deutschland die Anschläge von Paris mehr mitnimmt, als welche in entfernteren Ländern. Wenn man den Terror vor der Haustür hat, dann macht er einem mehr Angst, als wenn er in „sicherer Entfernung“ ist. Das ist menschlich, das ist ein emotionaler Sicherheitsmenchanismus und das ist komplett normal. Würden wir Empathie zeigen für alles Schreckliche auf dieser Welt, dann würden wir sehr wahrscheinlich vor Verzweiflung eingehen, so wie meine Pflanze auf dem Bücherregal, die einfach viel zu lange nicht mehr gegossen wurde. Vielleicht ist es ja sogar „positiv“, dass sich die Menschen jetzt mal vermehrt mit der Weltpolitik auseinandersetzen. Vorher war es für viele vielleicht nicht von Relevanz, denn das eigene Leben hat es nie beeinträchtigt. Doch jetzt, wo unmittelbar um die Ecke Menschen sterben und in der Nachbarstadt ein Fußballspiel abgesagt und der Bahnhof abgesperrt wird, da merkt man: Oops, die Welt ist nicht so sicher, wie uns immer vermittelt wurde. Und dann beginnt man sich zu beschäftigen. Und um nicht völlig in einen Sog von „What the Fuck passiert eigentlich auf der Welt“ zu geraten, beginnt man mit dem Aktuellsten. Ich will gar nicht die Medien in Schutz nehmen, denn dass, was dort passiert ist ekelhaft. Diese hätten uns alle viel früher informieren sollen über ALLES. Doch wollte man es vorher hören? Ich vermute, die meisten Menschen müssten mit einem ehrlichen „Nein“ antworten. Gibt nur niemand zu. Wir meckern lieber. Darüber, dass die ehemalige Schulfreundin ihr Profilbild geändert hat, oder darüber, dass bei Twitter die tote Polizeihündin einen eigenen Hashtag hat. Menschheit, du nervst mich!

Irgendwie macht es mich wütend, dass ich darüber überhaupt schreibe. Aber mich kotzt es so dermaßen an, dass sich diese Gesellschaft in zwei Lager spaltet. Die einen, die sich Sorgen machen, die um viele Tote in Paris trauern; und die anderen, die der Meinung sind, dass man doch um vieeeel mehr Menschen noch trauern sollte. Warum nur schwarz oder weiß? Wo ist das sonst so beliebte grau? Kann ich nicht um Tote in Paris trauern, mir Sorgen machen, wie es in unserer Welt weitergehen soll und es gleichzeitig schrecklich finden, was auf der gesamten Welt noch so abgeht? Darf ich mich emotional nicht schützen?

Das ist heutzutage offenbar nicht mehr möglich. Ich will mich gar nicht damit beschäftigen. Aber überall, wo ich hingehe, geht es nur noch darum. Nur noch! Und da hab ich fast schon ein schlechtes Gewissen für das kommende Jahr meine Traumhochzeit zu planen, wo doch anderswo auf der Welt täglich Kinder sterben. Habe Sorge, es kommt falsch rüber, mir Sorgen zu machen, wie ich nach dem Studium einen Job finden soll, wo die Menschen anderswo jeden Tag um ihr Leben bangen.

Doch was habe ich davon, wenn ich mein Leben hier anhalte? Nichts. Ich werde mich weiterhin, wie bisher auch mit dem Weltgeschehen beschäftigen, und das in einem Rahmen, der mir psychisch keinen Zusammenbruch bereitet. Denn sind wir mal ehrlich: Wenn wir uns jeden Tag intensiv vor Augen führen würden, was in dieser kranken Welt so abläuft, dann säßen wir alle auf der Geschlossenen.

Bitte bleibt politisch interessiert, aber vergesst nicht, dass ihr auch ein Leben habt – und dieses ist begrenzt. Zumindest das sollte uns die letzte Woche gezeigt haben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s